Richtig streiten

"Ich schrei doch gar nicht!"

Sie explodiert, weil er nie richtig zuhört; er regt sich auf, weil sie immer so pingelig ist. Faires Streiten ist gut für jede Beziehung – aber es will gelernt sein. Vier hilfreiche Strategien

Streiten gehört zum menschlichen Miteinander, doch richtiges Streiten ist eine hohe Kunst und will gelernt sein. Nur damit geben Sie Ihrer Beziehung die Chance zur Entwicklung.

Holen Sie also tief Atem, und trainieren Sie die folgenden Strategien, bevor Sie sich in die nächste Streitrunde begeben:

Strategie 1: Sagen Sie "ich" statt "du"

Typische Streit-Situation: "Wegen dir komme ich zu spät. Auf dich ist auch nie Verlass!"

Die Situation: Lisa möchte ins Kino und wartet darauf, dass Florian, ihr Mann, von der Arbeit kommt und die Kinder übernimmt. Als er endlich eintrifft, ist es später als ausgemacht. Lisa: "Wegen dir komme ich jetzt zu spät. Auf dich ist auch nie Verlass." Florian leicht gereizt: "Ich gehe zufällig jeden Tag arbeiten." Lisa, nun empört: "Und ich drehe in der Zwischenzeit Däumchen und versuche, mit dem Geld auszukommen, das du nicht verdienst." Florian: "Ich weiß nicht, warum ich mich für so was Undankbares wie dich kaputtarbeite."

Das Problem: Die Partner reden in der "Du-Sprache". In dieser Sprache machen wir dem anderen Schuldgefühle und Vorwürfe. Es ist die Sprache des Ärgers, der Wut und der Abwertung.

Die Lösung: Reden Sie in der "Ich-Sprache". Sprechen Sie über Ihre Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Statt Schuldzuweisungen zu machen, beschreiben Sie, wie sich das störende Verhalten auf Sie auswirkt. Etwa: "Ich hatte mich so auf den freien Abend gefreut. Jetzt fühle ich mich sehr gehetzt, um noch rechtzeitig in den Film zu kommen. Ich mag es nicht, wenn ich mich so beeilen muss."

Strategie 2: Keine ungebetenen Ratschläge

Typische Streit-Situation: "Du hättest Deiner Kollegin doch einfach sagen können, dass..."

Die Situation: Betty hatte einen schrecklichen Tag im Büro. Eine Kollegin – sie konnte nicht herausfinden welche – hatte sie beim Chef angeschwärzt. Betty ist niedergeschlagen und verletzt und möchte abends ihrem Partner das Herz ausschütten. Der aber hört nur kurz zu und schlägt ihr eine Strategie vor, wie sie die Situation im Büro meistern kann.

Das Problem: Ihr Partner missversteht Betty, indem er glaubt, es gehe ihr nur um eine Lösung. Betty ist zunächst frustriert, weil sie sich von ihrem Freund nicht ernst genommen fühlt. Schließlich wird sie wütend.

Die Lösung: Sie sagt von Anfang an, worauf es ihr ankommt. Und er sollte einfühlsamer sein. Denn alles, was seine Frau in dieser Situation will, ist, dass er ihr voller Interesse und Mitgefühl zuhört. Sie in den Arm nehmen und trösten, ist auch erlaubt. Auch wenn Sie keinen Schimmer davon haben, was gerade im Kopf des anderen vorgeht – allein der Versuch, sie oder ihn verstehen zu wollen, stärkt das gegenseitige Vertrauen.

Strategie 3: Nicht verallgemeinern

Typische Streit-Situation: "Nie machst du etwas, wenn ich dich darum bitte!"

Die Situation: Benno hat die Dichtung im Bad nicht repariert, obwohl Claudia ihn mehrmals darum gebeten hatte. Als sie ihn gereizt darauf anspricht und nachsetzt "Nie machst du etwas, wenn ich dich darum bitte", faucht Benno: "Du musst gerade was sagen. Wer hat denn letzte Woche vergessen, meine Briefe einzuwerfen?"

Das Problem: Claudia ärgert sich über einen Einzelfall und verallgemeinert ihn. Benno fühlt sich schuldig und gräbt Vergangenes aus, um sich zu schützen. Doch je mehr beide abschweifen und ins Grundsätzliche gehen, desto mehr eskaliert der Streit.

Die Lösung: Bleiben Sie bei diesem einen Problem. Vermeiden Sie Wörter wie "immer", "nie", "jedes Mal", denn diese Verallgemeinerungen lassen dem anderen keinen Spielraum mehr. Falls Sie im Unrecht sind, entschuldigen Sie sich, und bieten Sie eine akzeptable Lösung an. Denken Sie daran: Sich entschuldigen heißt auch Stärke zeigen. Und es nimmt dem anderen den Wind aus den Segeln.

Strategie 4: Keine Vergleiche

Typische Streit-Situation: "Susanne bügelt ihrem Mann immer die Hemden."

Die Situation: Aus einer momentanen Unzufriedenheit heraus werden Vergleiche gezogen. "Susanne bügelt ihrem Mann immer die Hemden." "Erik bringt jeden Morgen die Kinder in den Kindergarten. Warum machst du das nicht?"

Das Problem: Der Partner ist frustriert und enttäuscht. Seine Strategie: Er zeigt auf andere, um seine Wünsche deutlich zu machen. So verhärten sich jedoch nur die Fronten. Der Angesprochene blockt ab: "Ich bin nun mal nicht Erik/Susanne! Da hättest du eben jemand anderen heiraten sollen." Und dann fällt die Tür ins Schloss.

Die Problemlösung: Lassen Sie Dritte aus dem Spiel. Der Streit geht schließlich nur Sie beide etwas an. Fragen Sie stattdessen den Partner, warum er es nicht schafft oder ob er einfach keine Lust hat, die Hemden zu bügeln oder das Kind in den Kindergarten zu bringen. Suchen Sie gemeinsam nach Lösungen, wie Sie die Aufgaben künftig anders verteilen können.

Streit-Punkte

Der Paartherapeut Hans Jellouschek gibt nützliche Tipps zu den typischen Streit-Punkten Macht, Aggression und "Fehler" des anderen:

Macht: Versuchen Sie niemals, in eine mächtigere Position zu kommen, indem Sie den anderen abwerten, klein machen, schlecht dastehen lassen. Denn der Partner wird sich dafür rächen. Achten Sie darauf, dass sich jeder in der Beziehung zu etwa 50 Prozent durchsetzen kann.

Aggression: Seien Sie stets direkt! Verpacken sie Aggressionen nicht in Ironie oder falsche Freundlichkeit. Das vergiftet die Atmosphäre, täuscht den anderen und begünstigt eine mögliche Eskalation.

"Fehler" des anderen: Wenn Sie etwas am anderen aufregt, hat das fast immer etwas mit Ihnen selbst zu tun. Das Abgelehnte schlummert auch in Ihrem Inneren und macht Ihnen möglicherweise Angst. Wenden Sie sich dem "Schatten" in Ihrem Inneren zu. Das nimmt dem Streit über die Fehler des anderen viel Schärfe und Heftigkeit.

Wünsche: Sie wünschen sich, dass der andere sich ändert. Erfolg haben Sie nur dann, wenn Ihr Gegenüber fühlt, dass Sie ihn in seiner Person grundlegend akzeptieren, achten und wertschätzen.

 

 

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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