Krebsbehandlung

Unnötige Ängste vor der Strahlentherapie

Viele Krebspatienten fürchten sich vor einem Beschuss ihres Tumors mit harten Strahlen – zu Unrecht, sagen Experten. Die Strahlentherapie ist heute viel schonender als früher

Prof. Dr. med. Michael Bamberg, 1947 im westfälischen Hamm geboren, leitet seit 1988 die Klinik für Radioonkologie am Universitätsklinikum Tübingen, dessen ärztlicher Direktor er seit 1997 ist. Zu seinen Spezialgebieten zählt die Behandlung von Hirntumoren bei Kindern. Besonders wichtig ist ihm, Patienten unberechtigte Ängste vor der Therapie zu nehmen. Dieses Ziel verfolgt auch die 1995 von ihm mitgegründete Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie.

Herr Professor Bamberg, vor der Strahlentherapie fürchten sich viele Patienten. Ist diese Angst berechtigt?

Nein, denn sie hat mit heutiger Strahlentherapie so gut wie gar nichts zu tun. Natürlich gibt es keine Tumortherapie, die völlig frei von Nebenwirkungen ist. Aber die Strahlentherapie ist heute meistens nebenwirkungsarm. Zu Haarausfall kommt es höchstens, wenn im Kopfbereich Haare direkt bestrahlt werden. Massive Hautschäden gibt es nicht, "Verbrennungen" sind selten, und eine eventuell auftretende Übelkeit lässt sich mit Medikamenten in den Griff bekommen. Dem stehen enorme Fortschritte gegenüber – moderne Strahlentherapie verbessert oft entscheidend die Lebensqualität.

Wo zum Beispiel?

Wir können heute – anders als noch vor wenigen Jahren – vielen Frauen mit Brustkrebs die Brust erhalten. Denn eine Kombination von brusterhaltender chirurgischer Therapie, gefolgt von einer Strahlentherapie, hat die gleichen Ergebnisse wie früher die Radikaloperation.

Welche Rolle spielt die Strahlentherapie derzeit in der Krebsbehandlung?

Wir können derzeit etwa die Hälfte aller Krebspatienten heilen – meist durch eine Operation, die oft noch mit einer Chemo- und Strahlentherapie kombiniert wird. Bei 50 Prozent aller Heilungen ist die Strahlentherapie beteiligt, in rund zwölf Prozent reicht sie sogar allein zur Heilung aus. Insgesamt hat die Rolle der Strahlentherapie in den letzten Jahren massiv zugenommen – und wird es auch weiterhin. Experten der Europäischen Union schätzen, dass im Jahr 2010 fünf Prozent mehr Tumorpatienten geheilt werden können – und zwar allein dank verbesserter strahlentherapeutischer Technik.

Woher kommen dann die Ängste?

Sie sind ein Erbe der Geschichte; allerdings wandelt sich das Bild jetzt auch. Noch in den siebziger Jahren gab es bei manchen Patienten tatsächlich zum Teil erhebliche Spätfolgen. Die damals eingesetzten energiereichen Röntgenstrahlen hatten den Nachteil, dass sie bereits auf dem Weg durch den Körper viel Energie abgaben. Wollten wir einen Krebs im Inneren des Körpers treffen, bedeutete dies, dass andere Organe darüber – etwa die Haut – mit einer doppelt so hohen Dosis belastet wurden. Hinzu kam, dass wir lange Jahre auch mit relativ großvolumigen Strahlenfeldern arbeiten mussten, weshalb auch gesundes Gewebe in teilweise erheblichem Maße mit bestrahlt wurde. Es kam deshalb häufiger zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Unwohlsein.

Das ist heute anders?

Ja. Wir arbeiten nicht mehr mit starr vorgegebenen Bestrahlungsfeldern, sondern können die Umrisse des Tumors sehr genau berücksichtigen. Einer der Gründe ist, dass wir heute meist energiereiche – ultraharte – und scharf gebündelte Röntgenstrahlen einsetzen. Sie lassen sich so exakt steuern, dass sie den Löwenanteil ihrer Energie gezielt nur im Tumor – in der gewünschten Region – abgeben, gesundes Gewebe auf dem Weg dahin aber weit gehend schonen. Geht es jedoch darum, gezielt Strukturen an der Körperoberfläche – etwa bei Hauttumoren – zu treffen, setzen wir heute oft auf Elektronenstrahlen. Sie geben das Gros ihrer Energie ab, sobald sie auf Gewebe treffen, und schonen tiefer liegende Organe.

Wie genau trifft die Strahlung?

Im Kopfbereich schaffen wir mit speziellen Systemen eine Präzision der Strahlungsführung auf 0,3 Millimeter. Bei anderen Tumoren lenken wir die Strahlung mit einer Genauigkeit von wenigen Millimetern ins Ziel. Zudem vermindern wir eine noch verbleibende Restbelastung für gesundes Gewebe, indem wir die Strahlung auf viele kleine Portionen verteilen.

Empfinden Patienten diese häufigeren Bestrahlungen nicht als bedrohlich?

Das Gegenteil ist der Fall: Diese Technik ist besonders schonend. Die Strahlen beschädigen in den Zellen die Erbsubstanz, die DNA. Gesunde Zellen im Körper verfügen aber über ein sehr effizientes Reparatursystem, mit dem sie solche Schäden innerhalb gewisser Grenzen beheben. Bei Tumorzellen arbeitet dieses Reparatur-system hingegen meist kaum noch. Diese unterschiedliche Erholungsfähigkeit ist der Schlüssel der ganzen Strahlentherapie. Wir verteilen die Strahlung so dosiert in – meist tägliche – Einzelportionen, dass sich gesundes Gewebe in den Zwischenzeiten erholt, Tumorgewebe aber stirbt. Eine noch genauere Aufteilung oder "Fraktionierungen" bildete die Grundlage für manchen Erfolg. So setzen wir bei besonders schnell wachsenden Tumoren im Kopf- und Halsbereich seit kurzem auf zwei Bestrahlungen pro Tag. Diese neue Strategie mit kürzeren Bestrahlungsrhythmen hat in Kombination mit verbesserter Chemotherapie bis zu 20 Prozent höhere Heilungserfolge bei Tumoren in diesem Bereich gebracht. Auch beim Kehlkopfkrebs muss der Kehlkopf meistens nicht mehr entfernt werden: Man kann den meisten Patienten heute eine – wenn auch meist heisere – Stimme erhalten. Das ist ein enormer Gewinn.

Einer Ihrer Schwerpunkte sind bessere Techniken zur Therapie kindlicher Hirntumoren. Wie kommen Sie voran?

Hier sind wir besonders glücklich über Erfolge. Jährlich erkranken hierzulande etwa 1700 Kinder an Hirntumoren. Die häufigsten, so genannte Medulloblastome, reagieren zum Glück meist empfindlich auf eine Strahlentherapie – anders als Hirntumoren bei Erwachsenen. Aber sie bilden auch sehr rasch Tochtergeschwülste – Metastasen – in Gehirn und Rückenmark. Die Tumorzellen wählen dabei den Weg über das Hirnwasser, den Liquor. Seit 20 Jahren entwickeln wir Techniken, um im Gehirn diesen Hirnwasserraum gezielt bestrahlen zu können. Mit Erfolg: In den sechziger Jahren konnten wir höchstens fünf Prozent der Kinder mit Medulloblastomen heilen, heute sind es 70 Prozent. Ähnliche Erfolge gibt es bei kindlichen Tumoren des Sehnervs.

Gibt es Fälle, in denen die Strahlentherapie nicht zum Zug kommt?

Prinzipiell können wir jeden Tumor mit Bestrahlung vernichten. Das Problem ist, dass manche Organe zu strahlenempfindlich sind. Hodenkrebs kann, rechtzeitig entdeckt, durch Kombinationen von Chemo- und Strahlentherapie heute zu 100 Prozent geheilt werden. Beim Eierstockkrebs hingegen sind die Aussichten immer noch niedrig. Dieser Tumor metastasiert oft sehr schnell und sehr weiträumig in den Bauchraum. Hier aber liegen besonders bestrahlungsempfindliche Organe wie Darm und Leber, so dass wir auf keinen Fall weiträumig bestrahlen können. An anderer Stelle im Bauchraum feiern wir hingegen gerade besondere Erfolge bei einem lokal eingegrenzten Tumor.

Welchen meinen Sie?

Das Prostata-Karzinom. Hier erwarte ich einen besonders großen Fortschritt in den nächsten Jahren. Denn Strahlentherapie kann hier die bisherige Totaloperation ersetzen, und das bei gleichen Heilungserfolgen und weniger Nebenwirkungen. Es kommt anders als bei der herkömmlichen Therapie nicht mehr zur gefürchteten Inkontinenz, und viel weniger Patienten leiden hinterher an Impotenz. In fünf bis zehn Jahren werden die meisten Betroffenen sich wahrscheinlich einer Strahlentherapie zuwenden.

Bei der ersten Strahlentherapie 1886 wollte der Wiener Arzt Leopold Freund bei einem Mädchen den Haarwuchs einer Hautpigmentstörung entfernen. Werden harte Strahlen heute – außer in der Krebstherapie – noch eingesetzt?

Derzeit eher selten. Aber die Strahlentherapie könnte auch bei manch anderen Indikationen vor einer Renaissance stehen. So bietet die kurzzeitige Bestrahlung mit sehr kleinen Dosen überraschende Erfolge bei einigen entzündlichen Gelenkerkrankungen, deren Wirkmechanismus wir noch nicht genau verstehen. Ich wünschte, wir hätten im klinischen Alltag mehr Zeit und vor allem Geld, diese Effekte genauer zu erforschen.

Patientenbroschüre "Strahlen für das Leben" der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO);

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