Umfrage

Karriere um jeden Preis?

Erfolg genießt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. 4,9 Millionen Deutsche würden dafür auf Kinder verzichten, 1,5 Millionen sogar Kollegen mobben. Doch es geht wesentlich entspannter. Wie, das verraten Experten

Wer träumt nicht davon? Schickes Auto, repräsentatives Haus, glückliche Familie, mindestens zwei Urlaube im Jahr. Jemand, der das aus eigener Kraft erreicht hat, gilt als erfolgreich. "Der hat Karriere gemacht", heißt es dann. Und die Erklärung wird gleich mitgeliefert: "Das geht nur, wenn du mit deiner Arbeit verheiratet bist." Und dann kommt noch das: "Jede Wette, dass der das Rentenalter nicht erreicht." Es geht auch anders, und es geht vor allem gesünder, sagt jetzt die moderne Psychologie und nennt das "eine ausgewogene Work-Life-Balance".

42 Prozent arbeiten nur, "weil es sein muss"

Los geht es mit einer Überraschung: Wir gelten weltweit als fleißig, korrekt bis in die Haarspitzen und überaus erfolgsorientiert. Von wegen! Das Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK befragte im Auftrag der Apotheken Umschau 2482 Deutsche, was sie über Erfolg denken. 42 Prozent der Berufstätigen arbeiten nur, "weil es sein muss". Und nur jeder zweite Berufstätige meint: "Karriere zu machen, ist für mich sehr wichtig." Um dieses Ziel zu erreichen, würden knapp drei Millionen derzeit Berufstätige auf Kinder verzichten, und 0,8 Millionen "Hardcore-Karrieristen" würden nicht einmal davor zurückschrecken, Kollegen zu mobben, um einmal ganz oben zu stehen.

Flexiblere Arbeitsregeln erhöhen die Motivation

Nahezu die Hälfte aller Befragten gab an, "keinesfalls regelmäßig Überstunden machen oder an Wochenenden arbeiten zu wollen". Doch was spricht dagegen, sich seine Arbeitszeit flexibel einzuteilen? Wer mittags im Sommer gerne mal eine Partie Tennis spielt und frei macht, könnte theoretisch am nächsten Tag oder am regnerischen Wochenende nacharbeiten. Flexible Arbeitszeiten werden in den USA inzwischen von immer mehr Arbeitgebern angeboten. Dahinter steckt eine Erkenntnis der modernen Arbeitspsychologie: Danach sind Menschen wesentlich motivierter, kreativer und leistungsfähiger, wenn sie nach ihrer inneren Uhr arbeiten können. Was ist darunter zu verstehen? Viele kommen früh morgens nur schwer in die Gänge. Nicht, weil sie am Abend zuvor zu tief ins Glas geblickt haben oder Langschläfer sind, sondern weil es die Natur so will. Der Biorhythmus erlaubt es den meisten Menschen erst zwischen neun und zehn Uhr morgens aktiv zu werden. Nicht zuletzt deshalb erwägen beispielsweise inzwischen einige Bundesländer, den Beginn des Schulunterrichts auf den frühen Vormittag zu verlegen. Dazu kommt eine persönliche innere Uhr. Beispiel Kreativität: Ein Manager arbeitet von neun bis 18 Uhr im Büro. Doch er entwickelt neue Projekte lieber abends und würde sich tagsüber gern anderen Dingen widmen. Die Gefahr ist groß, dass die geforderte Kreativität des Managers in seinem gewohnten Arbeitsumfeld auf Dauer nachlässt.

Der Maßstab für Erfolg muss sich ändern

Doch es können noch andere, weit schwerwiegendere Folgen auftreten. Hans-Ulrich Wittchen, Forscher am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie, stellte kürzlich im Wirtschaftsmagazin "Capital" fest: "Angststörungen nehmen im Management deutlich zu." Und das Karlsruher Institut für Arbeits- und Sozialhygiene meldet: 85 Prozent aller Führungskräfte leiden an nervösen Herzbeschwerden, Spannungskopfschmerzen, Bandscheibenproblemen oder Schlaflosigkeit. In vielen Fällen sei eine zu hohe Erwartungshaltung an sich selbst eine Ursache für die Beschwerden, weiß der Münchner Mediziner und Managerberater Jakob Derbolowsky. Der Experte: "Es wird Zeit, dass die Menschen Teil ihrer eigenen Erfolgsvorstellung werden. Sie müssen lernen, den vorgegebenen Zielen (berufliche, d. Red.) die eigenen beizumischen und individuelle Maßstäbe zu entwickeln." "Warum", so fragt Jakob Derbolowsky, "können so wenige ihren Erfolg daran messen, ob es ihnen gelingt, gute Freunde zu haben, ihre Kinder großzuziehen und eine liebevolle Partnerschaft zu führen?" Vielleicht, weil sie nicht gelassen genug sind?

Gelassen zum Erfolg – Abschied von den "Macher-Qualitäten"

"Viele, die Karriere machen wollen, machen etwas falsch – sie gehen mit zu viel Verbissenheit an die Sache", sagt Jutta Heckhausen, Professorin für Psychologie und Sozialverhalten an der Universität von Kalifornien in Irvine. Erfolgreich im Job und zufrieden im Privatleben könne auf Dauer nur sein, wer gelassen und fair bleibt. Das könne jeder trainieren.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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