Körpergröße

Sind wir wirklich morgens größer als abends?

Zweierlei Maß: Mehrere Zentimeter Größen-unterschied im Laufe eines Tages – wie kann das denn angehen?

Diese Prozedur kennen wir aus Kindertagen: Schuhe ausziehen, Füße flach auf den Boden, Rücken fest an den Türrahmen, Blick geradeaus, Lineal waagerecht auf den Kopf, Bleistiftstrich aufs Holz, nachmessen ...

Wenn wir diesen Vorgang als Erwachsene wiederholen, kommen wir morgens beispielsweise auf genau 173,4 Zentimeter. Doch seltsam, die gleiche Messung am Abend, also Stunden später durchgeführt, kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: 171,8 Zentimeter. Wie ist es möglich, dass ein und dieselbe Person im Laufe eines Tages um 1,6 Zentimeter schrumpft? Hat da jemand gemogelt? Sich heimlich auf die Zehenspitzen gestellt? Versehentlich das Lineal schräg gehalten? Oder das Maßband ein wenig durchhängen lassen? Nichts von alledem – die Größe eines Menschen variiert zwischen Morgen und Abend nämlich tatsächlich.

Woran liegt das? Dazu muss man zunächst wissen, dass sich zwischen jeweils zwei beweglichen Wirbeln unserer Wirbelsäule eine Bandscheibe befindet, ein bis zu zwei Zentimeter dicker, weicher Gallertkern mit einem festen Faserring drumherum. Die Bandscheiben haben eine wichtige Aufgabe. Sie federn unsere Wirbelsäule gegen Stöße ab. Bei jedem Schritt, den wir machen, beim Anheben und Tragen von Lasten, beim Autofahren und sogar, wenn wir ruhig im Sessel sitzen, werden sie kräftig gestaucht. Gäbe es sie nicht, könnten wir uns nur unter ärgsten Schmerzen bewegen.

Die ständige Belastung hat zur Folge, dass die Bandscheiben im Laufe des Tages minimal zusammengepresst bleiben, was sich bei 23 Bandscheiben durchaus auf drei Zentimeter summieren kann. Gedanken machen muss sich deshalb niemand: In der Nacht regenerieren sich die Stoßdämpfer wieder, indem sie Nährlösung aus ihrer Umgebung aufsaugen und wieder ihre ursprüngliche Größe annehmen.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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