Peloide

Heilen mit Schlick und Schlamm

Die Schätze aus der Erde entfalten ihre komplexe Heilwirkung bei schmerzenden Gelenken und verspannten Muskeln ebenso wie bei vielen Frauenleiden

Peloide, so der Oberbegriff für die heilsamen Erden, sind in Jahrtausenden durch geologische Vorgänge entstanden. Lehm, Ton oder Schlick setzen sich überwiegend aus anorganischen Stoffen zusammen und sind reich an Mineralien wie Kalzium, Magnesium, Eisen, Phosphaten und Schwefel. Torf dagegen besteht überwiegend aus organischen Substanzen: aus Pflanzen, die sich in wasserreichen Gebieten unter Luftabschluss nur unvollständig zersetzen. Er enthält neben verholzten Pflanzenteilen auch Kohlenhydrate, Eiweiße, östrogenartige Substanzen, Fettsäuren und Huminsäure. Die Behandlung mit dem heilenden Erdreich hat eine lange Tradition. So schätzten schon die alten Römer Schlick und Schlamm als Medizin. Das hierzulande weit verbreitete Moorbad ist dagegen relativ jung. Mit Torf kurieren Badeärzte erst seit rund 200 Jahren schmerzende Gelenke und Muskeln oder chronische Unterleibsschmerzen.

Wärmespeicher.

Ob tiefschwarzes Moor oder hellgelber Ton – Peloide wirken vor allem als Wärme- oder Kälteträger. Sie können Wärme lange speichern und geben sie kontinuierlich ab. Behandelte Bereiche werden intensiv erwärmt und durchblutet. Akute Entzündungen profitieren dagegen von schmerzlindernden und abschwellenden Kältepackungen.

Komplexes Verfahren.

Einige Peloide – allen voran das Moor – scheinen darüber hinaus auch über ihre Inhaltsstoffe den Organismus zu beeinflussen. Wie dies geschehen könnte, ist wissenschaftlich allerdings noch nicht geklärt. Denkbar wäre, dass sie in der Haut Immunreaktionen auslösen – oder aber in den Körper gelangen. Fest steht, bei der Therapie mit dem heilenden Erdreich handelt es sich um ein komplexes Verfahren. Es setzt Reize, welche die Selbstregulation des Organismus anregen.

Packungen, Wickel oder Kompressen, zum Beispiel mit dem mineralstoffreichen Fango, entfalten ihre Wirkung überwiegend lokal. Sie helfen bei schmerzenden Gelenken und entspannen verkrampfte Muskeln. Mit Bädern werden tief greifende Effekte auf den gesamten Organismus erzielt. Sie lassen sich vor allem in der Frauenheilkunde nutzen – am sinnvollsten im Rahmen eines Kuraufenthalts. Kurkliniken nehmen dafür erheblichen Aufwand in Kauf: Für ein Moor-Wannenbad etwa benötigen sie mindestens 40 Kilogramm naturfeuchten Torf. Mit heißem Wasser wird der Brei unter kräftigem Rühren auf die gewünschte Badetemperatur gebracht. Weil eine Sterilisation des von Natur aus keimfreien Moorbreis nicht nötig ist, bleiben dabei alle Inhaltsstoffe erhalten. Die feinen organischen Teilchen, die im Moor aus Pflanzen entstanden sind, bilden eine isolierende Schicht. Diese gibt Wärme nur langsam ab und nimmt sie nur verzögert auf. Der Effekt: Moor lässt sich wesentlich heißer aushalten als ein normales Wannenbad. Die Temperatur kann 40 bis 46 Grad Celsius betragen. Da die Wärme nur verzögert in den Körper gelangt, lassen sich große Wärmemengen zuführen. Dadurch erhöht sich die Körperkerntemperatur um ungefähr ein Grad Celsius. Dies bewirkt eine intensive Durchblutung aller Organe und kurbelt den Stoffwechsel kräftig an. Darüber wird auch der Hormonhaushalt günstig beeinflusst.

Wegen seiner breiigen Konsistenz empfinden auch Patienten mit Beschwerden des Bewegungsapparats das Verweilen im heißen Moorbad als wohltuend. Das hohe spezifische Gewicht des Moors sorgt für einen entsprechend großen Auftrieb und entlastet kranke Gelenke. Gleichzeitig dämpft die zähe Masse übermäßige Bewegungen und verhindert so Überlastungen. Beim Moortreten oder -kneten trainieren Patienten dagegen aktiv die Beweglichkeit schmerzender, oft arthrotischer Gelenke.

Gelenkverschleiß. Vor allem bei Abnutzungserscheinungen an Gelenken und Wirbelsäule bietet sich die Behandlung mit Moor an. Ebenso bei Muskelschmerzen. Akut entzündliche Leiden dürfen im Allgemeinen dagegen nicht mit heißen Peloiden behandelt werden. Für diesen Zweck gibt es kalte Packungen. Schönster und beeindruckendster Effekt einer Moorkur in der Frauenheilkunde dürfte es sein, wenn sich ein lange vergeblich gebliebener Kinderwunsch doch noch erfüllt: Bei einer Unterfunktion der Eierstöcke, einer Schwäche der Gebärmutter oder bei Verwachsungen im Bereich der Eileiter können Moorbäder den Weg zum Wunschbaby ebnen. Sie bieten sich in vielen Fällen als psychisch nicht belastende Möglichkeit an, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Bad Pyrmont, eines der ältesten Moorbäder, verweist auf eine Erfolgsquote von fast 50 Prozent bei der Therapie ungewollter Kinderlosigkeit.

Chronische Entzündungen.

Vor allem chronische Entzündungen der äußeren und inneren weiblichen Geschlechtsorgane sprechen gut auf die durchwärmenden und durchblutungsfördernden Moorbäder an. Nach einer Unterleibsoperation kann die Moorkur Verwachsungen vorbeugen. Bereits vorhandene werden weicher und bereiten weniger Beschwerden. Nicht geeignet ist die intensive Wärmebehandlung bei akuten und subakuten Entzündungen, Endometriose, gut- und bösartigen Tumoren, ebenso wenig in der Schwangerschaft. Auch nach einer schweren, längeren Erkrankung oder bei allgemeiner Überlastung können heiße Moor- und Schlammbäder die Patienten überfordern.

Kuren zu Hause.

Heilbäder mit Peloiden lassen sich am effektivsten im Rahmen einer vierwöchigen Kur anwenden. Die Behandlung mit Schlick und Schlamm gehört aber auch zum Repertoire der Physiotherapeuten. Unterschiedliche Moor- und Schlammpackungen sowie Zusätze für Voll- und Teilbäder kann der Arzt zudem für die häusliche Badekur verordnen.

Kleines Peloid-Lexikon

Fango:

Der Mineralschlamm vulkanischen Ursprungs findet sich am Grund heißer Quellseen, lässt sich aber auch aus trockener Vulkanasche und Wasser mischen.

Lehm:

Der sandige Ton ist je nach Eisengehalt gelb bis braun gefärbt. Behandlungen mit dem feinen Ton-Wasser-Gemisch sind fester Bestandteil der nach dem gleichnamigen Entwickler benannten Felke-Kur.

Moor:

Das Torf-Wasser-Gemisch von dunkel- bis schwarzbrauner Farbe besteht überwiegend aus zersetzten Pflanzenteilen. Wichtiger Inhaltsstoff ist die Huminsäure.

Schlick und Schlamm:

Sie bilden sich als feinkörnige Ablagerungen im Meer, in Teichen oder Flüssen. Dazu zählt auch feinkörniges Gestein wie Ton, Lehm oder Vulkanasche, wenn es von Wasser durchtränkt und ausgeschwemmt wird.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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