Hirnforschung

Macht Liebe wirklich blind?

"Liebe macht blind", warnt der Volksmund, wenn zwei sich Hals über Kopf ineinander verguckt haben, die nach Ansicht Außenstehender aus dem einen oder anderen Grund nicht optimal zueinander passen. Spricht der pure Neid aus diesen Worten? Oder ist da aus medizinischer Sicht tatsächlich etwas dran?

Der Schweizer Hirnforscher Andreas Bartels hat dem Phänomen Liebe seine Doktorarbeit gewidmet. Am Londoner University College ließ er 17 Freiwillige, elf Frauen und sechs Männer, unter die halbkugelförmige Kuppel eines funktionellen Kernspintomographen (fMRI) steigen – nacheinander, versteht sich.

Dort wurden den Studienteilnehmern, die nach eigenen Angaben alle seit mindestens zwei Jahren "wahnsinnig verliebt" sind, Fotos ihrer nicht anwesenden Partner gezeigt. Der fMRI zeichnete auf, was in ihren Gehirnen vor sich ging. Dabei kristallisierte sich sehr schnell heraus, dass durch die Bilder im Wesentlichen vier winzig kleine, aber wichtige Hirnareale aktiviert wurden. Diese Aktivierung aber bedeutet, dass die betroffenen Regionen, die im Alltag unter anderem für die Lösung komplizierter Aufgaben, für unser Gedächtnis, unsere Aufmerksamkeit und unser Wahrnehmungsvermögen zuständig sind, angesichts des geliebten Lebensgefährten vorübergehend ihren Dienst versagten.

Fazit: Liebe macht uns zwar nicht im wahrsten Sinne des Wortes blind. Aber es kann durchaus passieren, dass wir sehenden Auges in unser Unglück laufen, ohne es zu bemerken. Nur gut, dass wir das auch gleich ganz schnell wieder vergessen ...

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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