Mobbing

 

Millionen leiden am Arbeitsplatz

Die Zahl ist alarmierend: Jeder fünfte Berufstätige fühlt sich gemobbt oder wurde bereits Opfer einer solchen Attacke. Das ergab eine Umfrage der Apotheken Umschau. Der Psychoterror hinterlässt oft seelische Wunden und massive gesundheitliche Störungen.

Mobbing ist zur Volksseuche geworden. Millionen Menschen treibt der subtile Psychoterror in deutschen Betrieben und Amtsstuben, Krankenhäusern und Schulen an den Rand der Verzweiflung. Sie werden von Kollegen systematisch gehänselt, ausgegrenzt, bei Vorgesetzten angeschwärzt oder gar von diesen selbst schikaniert und gedemütigt. Studien zeigen, dass das Mobbing-Risiko in einigen Branchen besonders hoch ist: im Gesundheits- und Sozialwesen, im Bereich Erziehung und Unterricht und in der öffentlichen Verwaltung.

Vorgesetzte: manchmal Opfer, häufig Täter

In zunehmendem Maße sind auch Führungskräfte betroffen. Sie machen mittlerweile 16 Prozent der Opfer aus. In vielen Fällen sind sie aber auch selbst Täter. "Untersuchungen zeigen", so Mobbing-Experte Dieter Zapf, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Frankfurt, "dass bei Mobbing in 70 bis 80 Prozent der Fälle Vorgesetzte aktiv beteiligt sind." In einigen Fällen sind sie auch die ausschließlichen Drahtzieher.

Nach Umstrukturierung wird häufig gemobbt

Woran liegt es, was sind die Gründe, dass für so viele Menschen der Arbeitsplatz zur Hölle wird? Dass die wirtschaftliche Situation und der schärfer werdende Kampf um die Arbeitsplätze zu einer Entsolidarisierung und zur Verrohung der Sitten führt, hält Prof. Zapf für falsch. Er sieht eine der Ursachen eher in sich ständig ändernden Managementkonzepten, mit der Unternehmen auf die schnell fortschreitende Globalisierung reagieren. Denn: "Mobbing beginnt sehr oft, wenn umstrukturiert wird, wenn es zu personellen Veränderungen in einer Arbeitsgruppe kommt, wenn ein neuer Kollege, ein neuer Vorgesetzter kommt", hat Zapf festgestellt. Dann muss jeder im Team seinen Platz und seine Rolle wieder neu finden, sich mit den Neuen zusammenraufen – viel Konfliktstoff.

Konfliktstoff: mangelnde Organisation

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Konflikt nicht gelöst wird, eskaliert und in Mobbing ausartet, ist um so größer, je mehr Konflikte entstehen. Auch schlechte Arbeitsorganisation, mangelnde Führungsqualitäten, unklare Aufgaben und Ziele sind idealer Nährboden für Konflikte und erhöhen die Mobbing-Wahrscheinlichkeit. Mögliche Ursachen liegen zudem in der Persönlichkeit der Beteiligten. Ein cholerischer Vorgesetzter, ein Chef, der ständig Angst um seine Position hat, sorgt automatisch für Konflikte.

Mobbing kann provoziert werden

"Oft trägt aber auch das Verhalten der Opfer dazu bei, dass es zu Mobbing kommt", erklärt Prof. Zapf. "Wer Konflikte partout vermeiden möchte, sie erst sehr spät bemerkt und sich nur schwer in andere hineinfühlen kann, läuft größere Gefahr, gemobbt zu werden." Untersuchungen zeigen, dass es oft auch Menschen trifft, die sehr leistungsorientiert sind, die viel von sich und von anderen fordern. Wie der gehasste Streber in der Klasse gerät so ein Mensch eher in eine Außenseiterposition, weil sich die Gruppe ständig nach dessen Hoch-Leistungen bewertet sieht und latent den Vorwurf fühlt, nicht gut oder viel zu wenig zu arbeiten.

Nicht nur die Seele leidet

Die seelischen und gesundheitlichen Auswirkungen des anhaltenden Kleinkriegs am Arbeitsplatz sind oft gravierend. Die Betroffenen leiden unter Nervosität, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, depressiven Verstimmungen bis hin zu den verschiedensten körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Störungen oder Magen-Darm-Beschwerden. Wenn sich Mobbing über Jahre hinzieht, können sich Symptome entwickeln, ähnlich dem, was Mediziner als posttraumatisches Belastungssyndrom bezeichnen: Angstzustände, Alpträume, quälende Erinnerungen, Reizbarkeit, Gedächtnisstörungen und Depression.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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