Latexallergie

 

Die unterschätzte Gefahr

Sie ist wenig bekannt und wird oft unterschätzt: Die Latex-Allergie wird immer häufiger zum Problem.

Latex (Naturkautschuk) ist ein milchiger Saft, der aus tropischen Baumrinden gewonnen wird. Aus ihm entstehen einerseits zahlreiche Medizinartikel andererseits etliche Alltags-Gegenstände: von der Anti-Rutsch-Socke bis hin zum Luftballon. Wer eine Allergie gegen Naturkautschuk entwickelt, hat deshalb gleich zwei Probleme: Zum einen gelingt es ihm nur schwer, dem Allergieauslöser im Alltag völlig aus dem Weg zu gehen. Zum anderen begibt er sich erst recht in Gefahr, wenn er sich ärztlich behandeln lassen will – denn in Arztpraxen, Notarztwagen oder Kliniken begegnet er einem wahren Latex-Eldorado.

"Latex-Falle": Praxis und Klinik

Latex findet sich in zahlreichen Medizinartikeln, beispielsweise in Spritzen, Infusionsbehältern, Beatmungsmasken, Kathetern und allem voran in Schutzhandschuhen. Spätestens seit Ausbruch der Immunschwächekrankheit AIDS Anfang der achtziger Jahre sind Schutzhandschuhe aus dem Klinik- und Praxisalltag nicht mehr wegzudenken. Sie sollen das Infektionsrisiko über Blutkontakte minimieren – eine sinnvolle Maßnahme, doch verhängnisvoll für Latexallergiker. Gerade solche Schutzhandschuhe, die hautfreundlich gepudert sind, werden zu wahren Allergen-Schleudern: Mit dem Puder verteilen sich gelöste Latexpartikel in der Raumluft und gelangen auf diese Weise leicht in die Atemwege. Menschen mit Latexallergie bekommen daher oft schon Beschwerden, wenn sie sich nur in einer Klinik oder einer Praxis aufhalten.

Wer ist besonders gefährdet?

Schätzungen zufolge leiden bis zu 17 Prozent aller im medizinischen Bereich tätigen Menschen an einer Latexallergie. Auch Beschäftigte der gummiverarbeitenden Industrie, Raumpfleger und Friseure gehören zu den besonders gefährdeten Berufsgruppen. Personen mit Atopie, einer erblichen Neigung zur Allergie, haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, ebenso Menschen, die viele Operationen hinter sich haben. Wer auf bestimmte Früchte (z.B. Bananen, Avocados und Kiwis) oder bestimmte Ficusarten allergisch reagiert, kann gegen Latex eine Kreuzallergie entwickeln.

Es gibt drei Wege, wie der allergieauslösende Stoff in den Körper gelangen kann:

über die Haut, z. B. beim Tragen von Latex-Handschuhen

über das Einatmen kleiner Latexpartikel, die hauptsächlich bei der Verwendung gepuderter Latex-Handschuhe freigesetzt werden

bei diagnostischen und therapeutischen Eingriffen, vor allem im Rahmen von Operationen

Beschwerden kommen sofort oder mit Verzögerung

Zwei Formen der Latex-Allergie werden unterschieden: Bei der Kontaktallergie juckt und rötet sich nach einigen Stunden oder Tagen die Haut, die mit dem Latex-haltigen Material in Berührung kam, kleine Bläschen entstehen. Oft sind die Hände betroffen, wenn zuvor Latex-Handschuhe getragen wurden. Problematischer ist die Latex-Allergie vom Soforttyp: Die Beschwerden treten hier unmittelbar beim Kontakt zum Allergieauslöser auf und können sehr heftig sein: Ähnlich wie beim Heuschnupfen fängt die Nase an "zu laufen" und zu jucken, die Augen sind gerötet, Hautschwellungen und Schwellung von Lippen und Augenlidern kommen vor. In schweren Fällen kann sich ein Asthma bronchiale entwickeln.

Gefährlich: der allergische Schock

Lebensbedrohlich wird es, wenn die Allergie einen allergischen Schock auslöst: Innerhalb kürzester Zeit drohen dann Atemstillstand und Kreislaufversagen. Die Gefahr ist besonders groß bei medizinischen Eingriffen wie Operationen, Zahnbehandlungen oder Untersuchungen, bei denen das Allergen durch direkten Kontakt mit Blut oder Schleimhäuten des Patienten in den Organismus gelangt. Experten befürchten, dass so mancher "ungeklärte Narkosezwischenfall" in Wahrheit Folge einer unerkannten Latex-Allergie gewesen sein könnte.

Tipps für Betroffene

Zur Linderung von Beschwerden kommen Antiallergika zum Einsatz. Die wichtigste Therapieempfehlung lautet jedoch: den Allergieauslöser meiden. Leider ist dieser Rat angesichts der Vielzahl Latex-haltiger Artikel nicht ganz leicht zu befolgen. Seit längerem fordern Selbsthilfe-Organisationen eine bessere Kennzeichnung Latex-haltiger Materialien. Eine Liste Latex-haltiger Artikel und ihrer möglichen Latex-freien Alternativen gibt es auf den Seiten von LAIV e.V. (www.laiv.de)

Wenn Sie im medizinischen Bereich tätig sind, sollten Sie keine gepuderten Latex-Handschuhe tragen, besser noch: ganz auf Latex-freie Handschuhe umsteigen – das gilt im besten Fall auch für Ihre Kollegen. Vorsicht: "hypoallergene" Handschuhe sind irreführenderweise meistens Latex-haltig! Keinesfalls sollten Sie auf Schutzhandschuhe völlig verzichten und eine Infektion riskieren.

Wenn Sie auf Latex-haltige Stoffe in ihrem Berufsalltag allergisch reagieren, sollten sich frühzeitig untersuchen lassen und alle Krankheitserscheinungen im Zusammenhang mit der Allergie möglichst genau dokumentieren. Das kann für die Anerkennung als Berufskrankheit entscheidend sein. Bei speziellen Problemen juristischer und auch medizinisch-gutachterlicher Natur ist fachliche Beratung dringend zu empfehlen. Adressen von seriösen und einschlägig erfahrenen Rechtsanwälten lassen sich oft beim Personal- oder Betriebsrat erfragen.

Als Patient sollten Sie Ärzte, Zahnärzte und Pflegepersonal VOR einer Behandlung informieren. Besonders wichtig ist das vor Operationen. Sie müssen ggf. in einem "latex-freien" Operationssaal stattfinden. Falls es sich nicht um einen Notfall handelt, können sie sich auch im voraus telefonisch erkundigen, ob sich die medizinische Einrichtung auf Ihre Latex-Allergie einstellen kann.

Lassen Sie sich einen Allergie-Pass ausstellen, den sie möglichst immer bei sich tragen. Warnaufkleber und Notfallbuttons, die Sie zum Beispiel auf die Windschutzscheibe Ihres Autos kleben bzw. am Uhrenarmband tragen, sollen Helfer informieren, falls Sie sich nicht selbst verständlich machen können. Alternativen sind Notfallkapseln, die als Hals- oder Armband getragen werden und aus der alle wichtigen Informationen bezüglich der Allergie entnommen werden können (z.B. SOS-Talisman vom ADAC oder aus der Apotheke)

Wer sehr heftig auf Latex reagiert, sollte sich beim Arzt ein – latexfreies! – Notfallset zusammenstellen lassen. Oft haben Notärzte keine latexfreie Ausrüstung zur Hand.

Unterstützung, Beratung und die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen erhalten Sie in einer Selbsthilfegruppe. Ein Beispiel: die Latexallergie Informationsvereinigung LAIV e.V., ein Zusammenschluss von Latexallergikern aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Gegen einen Jahresbeitrag kann jede(r) Latexallergiker/in oder Angehöriger Mitglied werden.

Latex im Alltag – eine kleine Auswahl

Zahlreiche Artikel des täglichen Lebens enthalten Latex: beispielsweise Luftballons, Gummitiere, Kaugummi, Autoreifen, Haushaltshandschuhe, Kondome, Elastische Binden, Pflaster, Gummiringe, Squashbälle, Radiergummi, Briefmarkenkleber, diverse Handwerkskleber, Bademützen, Badesandalen, Schwimmbrillen, Turnmatten, ...

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