Inkontinenz

 

Hilfe bei Blasenschwäche

Jeder zehnte Deutsche über 45 leidet unter Blasenschwäche. Unfreiwilliger Harnabgang ist zu einem Volksleiden geworden – zu einem heimlichen, denn die wenigsten wollen über ihr Problem sprechen.

Viele Betroffene vertrauen sich noch nicht einmal ihrem Arzt an, greifen aus Unkenntnis zu unzweckmäßigen Hilfen und meiden schließlich aus Angst, man könne ihr Problem bemerken, sogar den Kontakt zu anderen Menschen. So zu reagieren ist zwar verständlich, versperrt aber den Weg zu wirksamer Hilfe. In vielen Fällen lässt sich Blasenschwäche heilen, zumindest deutlich bessern oder mit Hilfsmitteln so versorgen, dass ein nahezu normales Leben möglich ist.

Der Arzt unterscheidet verschiedene Formen der Inkontinenz, wie die Blasenschwäche in der Fachsprache heißt. Die weitaus meisten Betroffenen leiden unter einer so genannten "Stress-Inkontinenz", einer "Drang-Inkontinenz" oder einer Mischform aus beiden.

Die Stress-Inkontinenz

Symptome: Wer unter dieser Form der Blasenschwäche leidet, verliert immer dann unfreiwillig Urin, wenn erhöhter Druck im Bauchraum von oben die Blase bedrängt. Das kann beim Sport der Fall sein, aber auch beim Niesen, Bücken oder Lachen, bei sehr stark ausgeprägter Inkontinenz auch schon beim Herumlaufen. Betroffen sind vor allem Frauen über 40.

Ursachen: Schuld ist meist eine zu schwache Beckenbodenmuskulatur. Die extreme Dehnung dieser Muskelschichten bei Geburten, eine Gebärmuttersenkung, hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren oder starkes Übergewicht können dazu führen, dass der Beckenboden nicht mehr stark genug ist, dem Druck, der von oben auf die Blase wirkt, genug Widerstand entgegenzusetzen.

Selbsthilfe und Behandlung:

Das Wichtigste ist, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken. Leichtere Stress-Inkontinenz kann meist schon allein durch zwei bis drei Monate fleißiges Üben beherrscht werden. Schwere Inkontinenzgrade lassen sich damit zumindest lindern. Die Muskeln, um die es geht, spüren Sie, wenn Sie so tun, als möchten Sie den Urinstrahl beim Wasserlassen unterbrechen.

Wenn Sie mit Beckenbodengymnastik allein nicht zurechtkommen und nicht spüren, ob Sie die richtigen Muskeln anspannen, sollten Sie das Training unter fachlicher Anleitung erlernen. Kurse gibt es in Fachkliniken, spezialisierten Arztpraxen oder an Volkshochschulen. Auch der Einsatz von Biofeedback-Geräten oder die Kombination mit einer Elektrostimulationsbehandlung hilft, die richtigen Muskeln zu trainieren. Frauen nach den Wechseljahren kann eine Östrogentherapie helfen. Bei sehr schwerer Inkontinenz wird der Arzt eventuell zu einer Operation raten.

Die Drang-Inkontinenz

Symptome: Typische Zeichen für diese Inkontinenzform sind häufiger, sehr starker Harndrang, der sich oft schon auf dem Weg zur Toilette nicht mehr beherrschen lässt. Das Wasserlassen ist nicht schmerzhaft.

Ursachen: Die Blase der Betroffenen reagiert überempfindlich, wenn sie größere Mengen speichern soll, und setzt den Blasenverschluss außer Gefecht, obwohl sie noch nicht gefüllt ist. Meist sind die Dehnungsfühler der Blase überreizt. Schuld daran können durchgemachte Blasenentzündungen sein, aber auch falsche Sauberkeitserziehung in der Kindheit, altersbedingte Gewebeveränderungen oder seelische Belastungen. Oft stecken die Betroffenen in einem Teufelskreis: Der intensive Harndrang und die Angst vor dem "Malheur" zwingt sie zu häufigen Toilettengängen. Weil die Blase so immer mehr verlernt, sich zu dehnen, setzt der Harndrang immer früher ein.

Selbsthilfe und Behandlung:

Hat der Arzt andere Ursachen wie eine bestehende Blasenentzündung, Steine oder Tumoren ausgeschlossen, können Sie Ihre Blase trainieren. In leichten Fällen von Drang-Inkontinenz reichen oft schon ein paar Tricks: Harndrang hält nur etwa fünf Minuten an. Wenn Sie diese Zeit durchhalten, beruhigt sich die Blase wieder.

Rennen Sie niemals los, wenn der Harndrang gerade sehr stark ist. Das Laufen erzeugt nämlich zusätzlich Druck. Setzen Sie sich statt dessen hin, und beugen Sie Ihren Oberkörper nach vorne, als ob Sie Ihre Fußknöchel umfassen wollen. Dadurch lässt der Harndrang meist nach. Wenn der stärkste Drang vorüber ist, atmen Sie ruhig aus und gehen langsam zur Toilette.

Reichen diese Tricks nicht, können Sie mit einem Miktionstraining (Miktion ist der

medizinische Ausdruck für Wasserlassen) Ihre Blase systematisch umerziehen. Der Arzt wird Sie zunächst bitten, ein Protokoll zu führen, in dem Sie ein paar Tage lang jedes Wasserlassen nach Uhrzeit, Harnmenge und Intensität des Harndrangs eintragen. Im zweiten Schritt werden Sie dann lernen, die Abstände zwischen den Entleerungen systematisch zu verlängern. Das Miktionstraining kann der Arzt mit Medikamenten unterstützen, die die überaktive Blase beruhigen. Verschreibungspflichtige Wirkstoffe, die das können, sind z.B. Oxybutynin, Propiverin, Trospiumchlorid oder Tolterodin.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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