Was ist Stress?

 

Gedrängel schon morgens in der Bahn. Den ganzen Tag Druck vom Chef. Und am Abend auch noch Ärger mit dem Partner: Das Leben ist Stress.

Biologisch betrachtet ist Stress eigentlich nichts Schlechtes: Er versetzt uns in Sekundenschnelle in höchste Alarmbereitschaft, macht hellwach, hoch konzentriert und reaktionsbereit. Stress setzt ein uraltes Überlebensprogramm in Gang. Er ist die angemessene Antwort unseres Körpers auf Gefahr. Der Organismus mobilisiert seine Kraftreserven und wird flucht- oder kampfbereit – ein sinnvoller und lebensnotwendiger Vorgang.

Woher also die Klagen über ein natürliches Phänomen?

Warum fühlen sich die Jüngsten schon von Schul- und die Erwachsenen sogar von Urlaubs-, Freizeit- oder Weihnachtsstress verfolgt? Allein die Dosis macht’s: Wer sich permanent angespannt fühlt oder im Übermaß belastet ist, überfordert seine Kraftreserven. Dieser negative Stress – Wissenschaftler sprechen von "Distress" – raubt nicht nur Lebensfreude: Er macht auf Dauer auch krank. Dagegen bringen herausfordernde Aufgaben, die sich aber grundsätzlich bewältigen lassen, den richtigen "Kick". Positiver Stress – "Eustress" – hält vital, setzt Kräfte frei und beflügelt. Unter Belastung setzen die Nebennieren verstärkt die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol frei. Diese lösen eine Kaskade von Reaktionen aus: Das Herz schlägt kräftiger und schneller; der Blutdruck steigt; die Bronchien weiten sich; die Atmung wird tiefer; der Blutzuckerspiegel erhöht sich; Magen, Darm und Blase stellen ihre Tätigkeit vorübergehend ein. Zweck dieser Umstellungen: Unser Körper transportiert sauerstoffhaltiges Blut aus den Haut- und Darmgefäßen in die Muskulatur und Atemwege, um sich in Fluchtbereitschaft zu versetzen. Hormone und Nerven stehen zudem in enger Verbindung mit dem Immunsystem. Cortisol beispielsweise hemmt die Aktivität verschiedener Abwehrzellen. Wer unter chronischem Stress steht, ist deshalb anfälliger für Infektionen.

Wie stark der Körper auf Stressoren reagiert, hängt von der Persönlichkeit ab

Wer sich von Belastungen überwältigt und Anforderungen hilflos ausgeliefert fühlt, leidet stärker als Menschen, die Aufgaben positiv angehen. In einer kürzlich im US-amerikanischen Fachjournal "Health Psychology" veröffentlichten Studie zeigte sich, dass Menschen mit neurotischen Charakterzügen eine geringere Immunantwort auf eine Hepatitis-B-Impfung entwickelten als ausgeglichene Studienteilnehmer. Zum anderen reagierte ihr Immunsystem unter Stressbelastung schwächer als das psychisch stabiler Personen. Umgekehrt bauen Entspannungsübungen nicht nur Stress ab. Sie stärken darüberhinaus auch das Immunsystem und mindern somit die Krankheitsanfälligkeit.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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