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Weißdorn |
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Herzschutz aus dem Pflanzenreich |
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Weißdorn erhöht die Leistungsfähigkeit schwacher Herzen. In frühen Stadien der Erkrankung kann das pflanzliche Arzneimittel sogar mit synthetischen Mitteln konkurrieren. |
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Wenn die vertraute Bergtour auf einmal zu ungewohnt langen Pausen zwingt oder alltägliches Treppensteigen sich nur noch mit heftigem Herzklopfen und Atemnot bewältigen lässt, dann kann sich eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) ankündigen: Der Herzmuskel ist nicht mehr in der Lage, genügend Blut in den Kreislauf zu pumpen. Die Beschwerden sind nicht nur lästig, sondern ernste Warnzeichen. Denn ohne angemessene Behandlung schreitet das Leiden fort. Selbst in Ruhe treten dann massive Beschwerden auf. |
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Volksmedizin |
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Gerade in frühen Stadien können Wirkstoffe aus Weißdorn-Sträuchern das geschwächte Herz effektiv und nebenwirkungsarm stärken. Die Heilpflanze der Gattung Crataegus gehört schon seit Jahrhunderten als herzstärkendes Mittel zum Arzneischatz der Volksmedizin. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte das pflanzliche Herzmittel einen regelrechten Boom. Erst als der Weißdorn mit dem Fingerhut und dessen Inhaltsstoffen, den Digitalis-Glykosiden, Konkurrenz bekam, verblasste seine Bedeutung. |
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Eigenes Wirkprinzip |
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Mittlerweile erleben die dornigen Sträucher eine Renaissance. Neuere Untersuchungen belegen, dass Crataegus-Extrakt zwar weniger spektakulär als etwa Digitoxin wirkt, dafür aber umfassend. Selbst in Zeiten moderner Herzmittel wie so genannter Betablocker und ACE-Hemmer haben Weißdorn-Extrakte deshalb ihren festen Platz im Arzneisortiment. »Crataegus baut auf ein eigenes Wirkprinzip«, bestätigt Professor Dr. Volker Fintelmann, »es schließt vor allem den Herzschutz mit ein.« Weißdorn, sagt der Internist am Hamburger Krankenhaus Rissen, sei kein Ersatz für synthetische Herzmittel, er könne »die Notwendigkeit ihrer Verordnung aber einschränken«. Wichtig für den Erfolg ist die ausreichend hohe Dosierung: Je nach Schwere der Erkrankung liegt die Tagesdosis bei 600 bis 900 Milligramm standardisiertem Trockenextrakt. |
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Den Gang zum Arzt ersparen die rezeptfrei erhältlichen Arzneimittel freilich nicht. Nur er kann entscheiden, ob sich das Leiden mit einem Weißdorn-Präparat angemessen behandeln lässt. |
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Blüten und Blätter |
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Für Crataegus-Extrakte verwenden Pharmazeuten die getrockneten Blüten und Blätter verschiedener, in Europa heimischer Weißdorn-Arten. Hauptinhaltsstoffe der Heilpflanzen sind Flavonoide und Procyanidine. Zahlreiche Untersuchungen in den letzten Jahren belegen, dass die beiden Stoffgruppen vor allem – aber nicht ausschließlich – für die herzstärkende Wirkung verantwortlich sind. |
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Eine Million Betroffene |
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Rund eine Million Menschen leiden hierzulande mehr oder weniger schwer an Herzinsuffizienz. Deren Ursache sind häufig arteriosklerotisch verengte Herzkranzgefäße. Weil sie den Herzmuskel nur noch unzureichend mit Sauerstoff versorgen, schränken sie die Funktion der Muskelzellen ein. Auch ein nicht behandelter Bluthochdruck beansprucht das Herz auf Dauer über Gebühr: Er erhöht den Widerstand im Herz-Kreislauf-System. Deshalb muss das Herz mit jedem Schlag gegen diesen Druck verstärkt anpumpen. Durch die permanente Mehrleistung vergrößert sich die Muskelmasse des Herzens, doch die Blutversorgung des wachsenden Muskels kann nicht mithalten. |
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Verengte Gefäße |
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Die Wirkstoffe aus dem Weißdorn greifen an mehreren Punkten in das fatale Geschehen ein: Sie erweitern verengte Herzkranzgefäße, steigern die Durchblutung des Herzmuskels und verbessern seine Sauerstoffversorgung. Darüber hinaus erhöhen sie die Toleranz des Herzmuskels gegenüber Sauerstoffmangel. Im Tierversuch und in Untersuchungen an isolierten Organen steigerte Weißdorn die Kontraktionsfähigkeit des Herzmuskels. Die Blutmenge, die das Herz mit jedem Pulsschlag ausschüttet, nahm zu. |
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Eine Vergleichsstudie an 132 Patienten zeigte, dass in frühen Stadien der Erkrankung die traditionsreiche Heilpflanze durchaus mit modernen Herzmedikamenten konkurrieren kann. An der Studie in der kardiologischen Abteilung des Klinikums Leverkusen nahmen 132 Patienten im Alter zwischen 50 und 70 Jahren teil, die an Herzinsuffizienz im Stadium II litten. Eine Hälfte der Gruppe bekam über die Dauer von acht Wochen dreimal täglich 300 Milligramm Crataegus-Extrakt, die andere Captopril, einen ACE-Hemmer, in einer Dosierung von 6,25 beziehungsweise 12,5 Milligramm. |
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Positives Ergebnis |
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In beiden Gruppen nahm die Belastbarkeit des Herzens in vergleichbarer Weise zu. Messbare Krankheitssymptome hatten sich um rund 50 Prozent gebessert. Das abschließende Urteil der Patienten fiel sogar zugunsten des Weißdorns aus. |
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Nun soll eine groß angelegte Studie an 1800 Patienten mit einer Herzinsuffizienz im Stadium III zeigen, ob Weißdorn auch als ergänzendes Arzneimittel das Befinden der Kranken verbessern kann. Die Studienteilnehmer erhalten ihre herkömmlichen Arzneien. Eine Hälfte bekommt zusätzlich ein Weißdorn-Präparat, die andere ein Scheinmedikament (Placebo). Die abschließenden Ergebnisse der auf zwei Jahre angelegten Studie sollen 2003 vorliegen. Das besondere Interesse der Ärzte gilt der Frage, ob das pflanzliche Heilmittel die Lebenszeit der Herzschwäche-Patienten verlängern kann. |
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Sollte sich langfristig die herzschützende Wirkung bestätigen, dann könnte Weißdorn in Zukunft nicht erst bei frühen Anzeichen einer Herzschwäche helfen, sondern schon bei Erkrankungen, die zur Herzinsuffizienz führen. |
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