Die Deutschen werden impfmüde

 

Der Schutzschild bröckelt

Mehr als 20 Millionen Deutsche halten "die ganze Impferei" für übertrieben. Jeder Siebte ist sogar prinzipiell gegen das Impfen. Das Problem dabei: Bei Tetanus und Kinderlähmung klaffen bereits gefährliche Lücken im Impfschutz.

Das Thema Impfen verunsichert die Deutschen. Nicht, dass sie sich vor dem kleinen Piks fürchten. Nein, viele wissen nicht einmal, wogegen sie geimpft sind, und wogegen nicht. Das ist das Ergebnis einer Umfrage bei 2453 Bundesbürgern ab 14 Jahren, die die GfK-Marktforschung im Auftrag der Apotheken Umschau durchführte.

Jeder Vierte weiß gar nicht, wogegen er geimpft ist

Die Befragten sollten zunächst anhand einer Liste sagen, gegen welche der aufgeführten Krankheiten von Diphtherie bis Tuberkulose sie als Kind oder Erwachsene geimpft wurden. Auf den ersten Blick erscheinen zwar die Schutzraten bei Wundstarrkrampf (Tetanus 81,4 Prozent) und Kinderlähmung (Polio 77,3 Prozent) relativ hoch. Andererseits bedeutet das jedoch, dass rund 12 bzw. 15 Millionen Deutsche mit der Gewissheit leben, dass sie sich im Ernstfall jederzeit infizieren können. 

Ein katastrophaler Zustand? 
Experten geben teilweise Entwarnung: "Viele Bürger haben einfach vergessen, wogegen sie in ihrer Kindheit geimpft wurden. Aus serologischen Untersuchungen wissen wir aber, dass z.B. der Impfschutz gegen die Kinderlähmung relativ gut ist", sagt Dr. Gernot Rasch von der Geschäftsstelle der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Berliner Robert-Koch-Institut "Die angegebenen Raten bei Tetanus sind dagegen möglicherweise noch zu optimistisch, da die meisten zwar als Kinder dagegen geimpft wurden, als Erwachsene jedoch nicht an die Auffrischimpfungen gedacht haben."

Tatsächlich konnten sich viele der Befragten partout nicht mehr erinnern, ob sie vor Hepatitis A und B, Lungenentzündung oder Keuchhusten, Röteln, Masern und Mumps gefeit sind. Bis zu 35 Prozent der Umfrage-Teilnehmer zuckten mit den Schultern und gaben "weiß nicht" an. 

Macht Impfen wirklich anfälliger für Allergien?

Verunsicherung herrscht auch beim Stichwort Impfschäden. 53,6 Prozent behaupten, dass diese Gefahr verharmlost wird. Drei von zehn sagen: "Ich halte die ganze Impferei für übertrieben", jeder Siebte ist sogar "prinzipiell gegen Impfungen". Und jeder zweite Bundesbürger glaubt, das Impfen mache die Menschen anfälliger für andere Krankheiten, etwa Allergien. 

"Solche Befürchtungen sind zwar verständlich, aber unbegründet", sagt dazu Dr. Ursel Lindlbauer-Eisenach von der STIKO. "Da beobachten beispielsweise Eltern, dass bei ihren Kindern kurz nach der Kombi-Impfung gegen Röteln, Masern und Mumps eine Neurodermitis auftritt." Ein ursächlicher Zusammenhang, so die Münchner Kinder- und Jugendärztin weiter, bestehe aber dennoch nicht: Impfung und Ausbruch des Ekzems fallen nur zufällig in denselben Lebensabschnitt. 

Die Angst vor Schäden ist meist unbegründet

Seit 1982 gibt es in Deutschland keine Impfpflicht mehr, sondern nur noch freiwillige Impfungen auf Basis der STIKO-Empfehlungen. Routinemäßig sollte jedes Kind eine Grundimmunisierung erhalten. Das geschieht durch Regelimpfungen während der ersten sechs Lebensjahre: Geimpft wird gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis (Keuchhusten), Poliomyelitis (Kinderlähmung), Hepatitis B, Haemophilus influenzae Typ B (kurz: Hib), Masern, Mumps und Röteln. 

Wie die Angst vor Allergien ist auch die vor Impfschäden laut Dr. Lindlbauer-Eisenach in den meisten Fällen unbegründet. "Bleibende gravierende Schäden", sagt das Mitglied im STIKO-Expertengremium, "werden seit Abschaffung der Polio-Schluckimpfung praktisch nicht mehr beobachtet." Nebenwirkungen wie Reaktionen an der Injektionsstelle, ein allgemeines Krankheitsgefühl oder leichtes Fieber klingen in der Regel rasch wieder ab. 

Erforderliche Impfungen zahlt die Krankenkasse

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für alle erforderlichen Impfungen. Davon ausgenommen sind lediglich Reiseimpfungen gegen Erkrankungen, wie sie etwa in tropischen oder subtropischen Ländern auftreten können – zum Beispiel Gelbfieber und Typhus. Aber auch in diesen Fällen sollte Ihnen Ihre Gesundheit das Geld wert sein.

© Wort und Bild-Verlag, Baiersbrunn


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